
Frau Eglin in Binningen besitzt diese alten Schwarzweissfotos, die sie in ihren Ferien in Reigoldswil machen konnte. Nachfolgend ein Gespräch mit ihr vom 24. September 2002
Beth Plattner, Ruedi Plattners Schwester„Ich kenne Ruedi Plattner seit anno 1931. Ruedi Plattner lebte in seiner unteren Wohnung, denn das Haus war doppelt bewohnt, d. h. von unten nach oben doppelt. Der untere Stock war separat und auch der obere Stock. Komischerweise war die Hausteilung nicht quer, wie man es heute machen würde. Er schlief in seiner Apfelkammer (Öpfelchammere). Dies ist der hintere Raum nach der Küche (wo heute der Webstuhl steht). In dieser Kammer standen auch Leitern, Apfelharassen und ‚alle Gugger‘. Dort schlief er also. Neben der Küche war die Schlafstube, wo zwei Betten längs standen.
Er arbeitete als Bauer und als Forellenfischer. Forellen konnte er mit blossen Händen fischen, denn der Bach war noch vollständig offen im Dorf. Damals gab es noch keinen Dorfplatz. Ich hatte das noch erlebt. Wenn man unten kam, gab es ein Brücklein, das den steilen Weg hinauf zum „Feld-Ruedi“ führte. Es gab noch keine Umfahrungsstrasse. Fische gab es zu der Zeit noch unheimlich viele. Er stieg mit hohen Stiefeln ins Bächli und holte die Fische zu Dutzenden raus. Er verkaufte die Fische sofort weiter ans Restaurant ‚Sonne‘, wo die Fische frisch zubereitet und serviert wurden.
Blick Richtung RyfensteinDamals führte noch keine Strasse nach Waldenburg. Titterten wurde von unten her über eine Strasse erreicht. Feld-Ruedis Mutter war, dem Hören nach, eine sehr freigebige Person gewesen. Sie hatte bei allen Besuchen dieselbe grosszügige Art und man sagte von ihr: „Was sie vorne rausgibt, kommt hinten wieder herein an Liebe und Zuneigung“. Sie lebte zusammen mit Beth in der Schlafstube. Beth war von Jugend an schwer krank gewesen. Es herrschte halt in der Zeit überall Tuberkulose. Beth selber hatte einen riesigen, unnatürlichen Bauch. Sie konnte fast nicht mehr atmen und sah unnatürlich schwanger aus, was sie aber natürlich nicht war. Vermutlich eine Cousine der Mutter, die in Basel als Krankenschwester arbeitete, war mal zu Besuch, sah Beth und schlug vor, Beth nach Basel runter bringen zu lassen zur Operation. Beth kam nach Basel und wurde operiert. Es war ein riesiges Myom, also kein Krebs. Schon nach ein paar Wochen konnte sie aufstehen, sie konnte helfen und alles tun, was nötig war, wie Gemüse pflanzen. Sie war völlig gesund.
Sitzplatz mit Blick übers DorfRuedi versprach seiner Mutter auf dem Totenbett, immer ledig zu bleiben und für seine Schwester Beth zu sorgen. Das war noch vor der Operation und Beth war damals noch halbkrank. Denn, so die Begründung, eine Schwägerin würde das niemals tun. Wenn mal Kinder da wären, wäre Beth rasch überflüssig. Trotz der geglückten Operation sagte Ruedi weiterhin, dass er der Mutter ein Versprechen abgegeben habe. Er heirate nicht.
Auf Besuch im FeldIch fand das erstaunlich und merkwürdig, war Ruedi doch sonst nicht abergläubisch. Er jagte häufig mit Basler Herren, die offenbar in Reigoldswil ihr Jagdrevier hatten. Sie jagten Rehe, Hirsche und Hasen, von denen es anscheinend damals viele gab. Die erlegten Tiere kamen in die ‚Sonne‘, wo das Fleisch, wenn nötig, abgehangen und dann gekocht wurde. Ruedi brachte Beth dafür vom Restaurant ‚Sonne‘ Früchtekuchen (Wähen) und Glace, welche im Restaurant frisch gemacht wurden. Noch heute sind einige Rehgeweihe im „Feld“ zu sehen. Einige wenige Tiere liess er auch ausstopfen, mit ganz einfachen Methoden.
MemoriesRuedi hatte anfangs der Dreissigerjahre mit der Sense ein Reh angeschnitten. Er nahm das verletzte Tier mit nach hause und nannte es ‚Grittli‘. Das Rehkitz war bald so anhänglich wie ein Hündchen. Bethli zog es mit der Flasche auf und gab ihm Ziegenmilch, die weniger fett sein soll. Am Anfang war das kleine Reh noch schön getüpfelt und mit der Zeit wurde es gross. Es ging mit Ruedi aufs Feld, wartete bis er fertig war und ‚träppelte‘ mit ihm zurück. Später machte das Reh ausgedehntere Rundgänge. Ich schrieb sogar einmal einen Artikel an den Naturschutzkalender über dieses merkwürdige Reh. Es ging zu den Nachbarn, unter anderem zum sogenannten ‚Eierdätwiler‘ vis-à-vis. Es frass das Gemüse und den Salat aus dem Garten. Die Nachbarn fanden, dass das Ganze so nicht mehr gehe und fanden, das Reh müsse weg. Also gab es Feld-Ruedi nach Basel, wohl in einen Tierpark, wo er es auch später noch besuchte.
Der Webstuhl, der heute im Museum steht, stand damals noch nicht in der Wohnung. Beth hatte sicher nicht darauf gearbeitet, musste man doch ganz feine Hände haben für diese Arbeit.
Nach Beths Tod wollte Feld-Ruedi also nicht mehr heiraten, obwohl er sehr an Kindern hing. Er hatte die Stube ständig voll Kinder, denen er rührend Geschichten erzählte und die ausgestopften Tiere zeigte. Es hatte einen Fasan, einen Marder, einen Fuchs und anderes. Alles stand auf dem Ofen oder auf den Fenstersimsen, die ja in alten Häusern breiter sind.
Die Küche hatte einen Tisch längs zum Fenster und einen Schüttstein aus einem grossen Stein aus einem Stück. Vorne war er schmaler und führte durch die Wand nach draussen. Den Abguss verstopfte man einfach mit einem Stück Tuch. So konnte man bequem abwaschen. Das heisse Wasser wurde auf dem Küchenherd gemacht. Wurde der Waschlappen gezogen, lief das Wasser ab.
Der Keller war mit zwei grossen Steinplatten gedeckt, nur von aussen zugänglich, und erschreckte mich immer sehr.
Feld-Ruedi las immer den ‚Basellandschäftler‘ und war da sehr modern. Er sagte immer, wenn er etwas erzählen oder sagen wollte: „Ghörsch!“